1. CSD Parade in meiner Heimatstadt Koblenz 2012
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Bilder von @BB-Fotofee
1. CSD Parade in meiner Heimatstadt Koblenz 2012
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Nun ist er Geschichte, der 5.Koblenzer CSD mit seiner 1. CSD Parade für Koblenz und der 2. überhaupt in RLP. Aber in Koblenz heißt es: Alles was 5 Mal statt gefunden hat gehört zur Tradition und darum können wir uns heute vielleicht schon auf eine Neuauflage in 2013 freuen.
Für mich war es ein ganz besonderes Ereignis, diese erste CSD Parade in Koblenz. Sie war für mich als „alte Bewegungsschwuppe“ sehr emotional und als ich so durch die Straßen meiner Heimatstadt mit einem Schild in der einen Hand auf dem stand:
„LIEBER SCHWUL ALS BRAUN“, dem Regenbogenfähnchen in der anderen lief, blies ich in die umgehängte Trillerpfeife mit aller Kraft, die meine angegriffene Lunge zu lies. An den braunen Mobb, der zur gleichen Zeit in unserem Koblenz versuchte „Land“ zu gewinnen wollte ich nicht denken. Die waren mir das gar nicht wert. Nein ich war nur stolz schwul zu sein und mich seit vielen Jahren für die Akzeptanz dieser Lebensweise eingesetzt zu haben.
An einer Stelle in der Altstadt wurde ich leicht schwermütig. Ich wusste aus Erzählungen, dass damals bei den Nazis hier aus diesem Haus ein schwuler Mann abgeholt wurde und im KZ verschwand. „So was könnte heute nicht mehr passieren“, denk ich, „wer so wie ich mit seinen Freunden in so einem bunten, lauten Zug durch seine Heimatstadt ziehen kann und in soviel freundliche Gesichter sieht, den kann man nicht von heute auf morgen verschwinden lassen.“ Es hat sich gelohnt, mein jahrzenter langer Kampf an der Seite vieler Freunde für Gleichheit und Akzeptanz. Wir haben doch schon viel erreicht!
Unter den Zuschauern entdeckte ich einige „alte“ Schulkameraden und Nachbarn aus dem Stadtteil in dem ich aufgewachsen war. Die waren an diesem wunderbaren sonnigen Tag, (obwohl am gleichen WE Kirmes in diesem Stadtteil war), in die Innenstadt gekommen um bei diesem bunten Treben dabei zu sein. Es war kein „Schwulenkucken“, nein eine Schulkameradin kam zu mir drückte mich und sagte: „Ich will dabei sein und mit dir für deine und deiner Freunde Akzeptanz auf die Straße gehen“ (Man was wurde ich STOLZ). Dieses Jahr hat sie wie viele andere heterosexuellen Freunde von mir am Straßenrand gestanden und mir/uns ihre Solidarität gezeigt. DANKE! Aber vielleicht ist sie und die anderen dann bei einer neuen Auflage der CSD PARADE in Koblenz mit in diesem bunten Zug für Toleranz und Akzeptanz.
Es war der 5. CSD in Koblenz und zum ersten Mal zog bei hochsommerlichen Temperaturen eine bunte Parade mit ca.400 Teilnehmern durch die Altstadt.. Das Programm auf dem Straßenfest war eine bunt Mischung aus Politik, Travestie, Schlager und heißen Beats. Bilder u.a. von : Frank Gendreizig, Klaus Wenn , Ingo Tönges, Christoph Picke, Wolfgang Wermter
Diese Gedanken von Andreas Rau, Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Hagen e.V. möchte ich Euch nicht vorenthalten.
Die CSD-Saison hat begonnen. Für viele kein Grund, mitzufeiern…
Auf den Webseiten des CSD-Düsseldorf kann man es nachlesen – wie alles begann: „Eine schikanöse, wenngleich damals regelmäßige, Polizeirazzia im “Stonewall Inn” – einem damals beliebten Treffpunkt von Schwulen in New York – am 28. Juni 1969 markiert den Anfang des Widerstands der Homo-, Bi- und Transsexuellen weltweit. Die Unterdrückten setzten sich erstmalig erfolgreich gegen die Polizeikräfte zur Wehr. Mit diesem Tag war ein neues, gestärktes Selbstbewusstsein unter den Betroffenen geboren. Stonewall Inn sollte in den folgenden Jahrzehnten zum Symbol der Befreiungsbewegung “anderer” sexueller Menschen werden. Die New Yorker Polizei, eingeschüchtert von dem mutigen Aufbegehren ihrer Gegner, zog Ihre Razzien mehr und mehr zurück. Die Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transsexuellenbewegung gewann weiter an Bedeutung und breitete sich unter dem Namen “gayliberation” über Südamerika, Europa und Australien aus…“ Auch heute, mehr als 40 Jahre später, sind die Vorkämpferinnen und Vorkämpfer für eine tolerantere und menschlichere Welt nicht vergessen. Ihr Geist schwebt immer noch über den Feierlichkeiten zur “Pride Parade” oder dem in Deutschland gebräuchlicheren Namen Christopher-Street-Day.“
Spätestens hier fange ich an, skeptisch zu werden.
„…Die Feierlichkeiten finden in den Sommermonaten jährlich in vielen größeren und kleineren Städten auf der ganzen Welt statt. Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle stellen wie eh und je aktuelle politische Themen und Forderungen auf. … Die Themen haben sich verändert, der CSD jedoch bleibt für die Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen ein bedeutender historischer Tag, an dem sie sich zeigen und für ihre Belange demonstrieren….“
Hm….. für schwullesbische Belange demonstrieren? Was sind denn eigentlich schwullebische Belange?
Die Antwort aller Parteien (bis auf die der CDU – wie sollte es anders sein) fällt häufig relativ ähnlich aus. Und überhaupt reden auf den CSD-Kundgebungen viele „bürgerliche“ Parteien:
Abhängig von politischem Hintergrund und Verankerung in der queeren Szene, geschieht dies mehr oder weniger überzeugend….
Und überall die nahezu gleichen Aussagen: Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe – bis hin zum Adoptionsrecht, Programme gegen Homophobie in Schulen, Jugendeinrichtungen etc. Toll. Finde ich auch gut – findet auch die Linkspartei. Dann bin ich ja hier schon mal richtig….. ABER – ich vermisse bei diesem Diskurs auch etwas. Nämlich, wie sich die Frage der sozialen Gerechtigkeit aus queerer Sicht beantworten lässt und auch, ob die vielen CSD-Besucherinnen und Mitdmarschierenden mit dem Thema umgehen.
Ich wünsche mir in den Reden auf Kundgebungen ich, mal eine alleinerziehende lesbische Mutter, die berichtet, unter welchen Zwängen und materiellen Nöten sie leben muss? Und nicht nur starke priviligierte und intelektuelle Lesben, die Grundsatzdiskussionen über Lesbischsein an sich führen und nicht nur schöne junge Schwule, die sich freuen, dass sie von der Werbeindustrie als Konsumenten erkannt werden, die den Werbeschrott kaufen, weil es ihnen ja wirtschaftlich so gut geht – oder sie zumindest so tun, damit sie sich nicht ausgegrenzt fühlen… In Wahrheit kann ein großer Teil nämlich ohne Sozialticket noch nicht einmal die Fahrkosten zum nächsten CSD bezahlen, geschweige denn die Cocktails und die simple Cola.
Wo spricht jemand aus, dass an Aids-Erkrankte Bezieher von Grundsicherung und/oder AlG 2 eine Zulage für kostenaufwendige Ernährung nur noch dann erhalten, wenn sie gemäß Definition der Weltgesundheitsorganisation bereits unterernährt sind? Erst hungern – dann Hilfe bekommen.
Oder wie erklärt jemand, wie als Ziel von Aktionsplänen gegen Homophobie vorgesehen, Menschen ihre gleichgeschlechtliche Lebensweise auch am Arbeitsplatz, die in prekärer Beschäftigung offen leben können und sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln?
Spricht es jemand aus, warum die übergroße Anzahl von Transidenten im Hartz IV-Bezug landet?
Merkt so mancher Queer, wie versucht wird, Sympathien und unsere Zustimmung zu Kriegseinsätzen – z. B. gegen Afghanistan auch dadurch erkauft wird, dass uns deren homophobe Gesetzgebung und Repression als Grund und Köder vorgeworfen werden?
Für mich ist die sich vertiefende soziale Spaltung, die Entsolidarisierung sowie die Abkopplung großer Teile der Bevölkerung vom Recht auf Bildung, auf existenzsichernde Löhne sowie sichere und humane Arbeits- und Lebensverhältnisse eine reale Bedrohung für alle – unabhängig ihrer sexuellen Identität. Allerdings kann eben genau diese sexuelle L(i)ebensweise die Situation um ein vielfaches verschärfen.
Diese Politik kann durch kein Prämienprogramm für homofreundliche Unternehmen oder das Ehegattensplitting für LebenspartnerInnen korrigiert werden. Es betrifft Menschen mit Migrationshintergrund, Langzeitarbeitslose, Rentnerinnen und Rentner, Kinder und Jugendliche und eben auch besonders (!) Queers.
Wenn Parteien wie die FDP oder CDU/CSU die Kosten der Bankenrettung mit Einsparungen aus dem Geltungsbereich der Sozialleistungen kofinanzieren, dagegen aber große Vermögen keinen Cent zur Sicherung ihrer Finanzanlagen mit Steuergeldern beitragen müssen, dann sind davon auch lesbische Alleinerziehende sowie Transsexuelle im Hartz IV Bezug betroffen. In diesem „Überlebenssatz“ sind nicht einmal die Kosten für Verhütung sexuell übertragbarer Krankheiten – sprich Kondome enthalten.
Wenn weiterhin ein Mindestlohn abgelehnt und stattdessen die letzten Fragmente des Arbeits- und Kündigungsschutzes beseitigt werden, dann trifft dies prekär beschäftigte Frauen im Einzelhandel oder der Krankenpflege – darunter (natürlich) viele Lesben hart. Wenn ein FDP-Gesundheitsminister den „Umbau“ der solidarischen Gesundheitssystems zu einem System der sog. „Eigenverantwortung“ fortsetzt, dann sind auch wir Queers davon betroffen. Und zwar eher, als uns lieb sein kann. Viele junge Schwule gehen heute schon wider besseren Wissens nicht zu Vorsorgeuntersuchungen auf sexuell übertragbare Krankheiten, weil sie die Praxisgebühr sparen. Mancher Queer auf dem Lande sucht vergeblich nach Beratungs- und Selbsthilfezentren in seiner Nähe und bleibt in der virtuellen Welt des Internets anonym für sich. Nicht nur, weil es so schön und aufregend ist, sondern auch, weil es an so etwas Banalem mangelt, wie an einem Sozialticket, mit dem er die nächstgelegene größere Stadt erreichen kann. Im Netz bleibt wenigstens der schöne Schein und das so „tun als ob“. Da wollen wir uns als Mitnutzer noch über vermeintliche „Faker“ in sozialen Netzwerken aufregen?
Warum sagt das kaum einer den bürgerlichen Parteien und biedert sich stattdessen an sie an und feiert es ab, wenn sie den CSD als Plattform auf dem Gedenktag des queeren Aufstands gegen polizeiliche Repression und gesellschaftliche Unterdrückung für ihre kleinbürgerliche Politik nutzen? Manche CSD-Veranstalter finden scheinbar nichts dabei, wenn die Roths, Becks und Westerwelles euphorisch in die Kameras der queeren Medien winken, als sei die schwule Welt die heile Welt in Dosen – Natürlich nur dank ihnen und dem Kreuz des queeren Wählers auf dem Wahlzettel zur nächsten Landtagswahl. Eine traurige Mitte der Gesellschaft, in der sich die Queers da wähnen und die sie mit stolzgeschwollener nackter Brust und Sixpack feiern.
Unter den Gästen des Stonewall Inn im New York der 1969er Jahre waren viele wohnungslose schwule Latinos, unterprivilegierte Tunten und Transen sowie minderjährige Jugendliche, die nur in einer der wenigen runtergekommenen Halbwelt-Bars geduldet wurden.
In ihrem Andenken möchte ich den CSD gerne sehen und lade herzlich alle Queers dazu ein, hier einfach mal „mitzudenken“ und ihren Protest deutlicher zu benennen und den ach so schwulenfreundlichen Parteien entgegen zu halten, dass sie die Verantwortung dafür tragen, dass die Menschenfeindlichen (und damit eben auch Queer-feindlichen) Umstände so sind, wie sie sind und auf lange Sicht so bleiben.
Mancher mag glauben, Freiheit für Schwule und Lesben sei allein durch mehr Toleranz und „Gleichstellung“ zu erreichen, wie es uns bürgerliche Parteien und Strömungen erklären – aber dann irren wir. Es gab und gibt einen Zusammenhang zwischen Diskriminierung, Homophobie und der sozialen Frage. Aktionspläne, die die Frage nach diesem sozialen Zusammenhang nicht stellen, reichen nicht aus. Immerhin geht es um nichts Geringeres als Teilhabe. Kann ich mit Alg2/Grundsicherung etc. wirklich teilhaben? Teilhabe muss auch bezahlbar sein! Zugang zu anonymen Beratungsstellen und eine queer-akzeptierende medizinischen Behandlung/Untersuchung sind gerade für LGBT (über-) lebenswichtig. Der HIV-Test beispielsweise oder Untersuchungen zu sexuell übertragbaren Infektionen werden von manchen Institutionen aufgrund chronischer Unterfinanzierung der Kernarbeit nur gegen Kostenerstattung angeboten. Im Grundsatz verständlich, aber für manchen einfach nicht bezahlbar. Bezahlbar? Damit wären wir dann wieder beim CSD. Allein, die Fahrten zum CSD sind für viele ein Grund, nicht hinzufahren, von Verpflegung unterwegs will ich lieber gar nicht erst anfangen.
Schwule und Lesben gehören zu der mobilsten Gruppe in Deutschland und sicher auch in NRW. Seien es die Fahrten zu Partys, zu CSDs, zu Selbsthilfegruppen, um medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen und/oder Beratungsstellen aufzusuchen. Fange ich gerade an, mich zu wiederholen? OK…. Aber ich finde, im Moment kann man genau das eigentlich nicht oft genug tun.
Emanzipation lässt sich nämlich ohne die sozialen Fragen und Antworten noch nicht einmal denken!
Andreas Rau